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Ego-IllusionenAutor:
Matthias Kleespies

Das wundersame Ego

Dies ist ein Gegenentwurf zum Essay „Die wundersamen Wege des Egos“ auf dieser wunderschönen Seite.
„Gegenentwurf“ bedeutet genau das: ich behaupte nicht, „Recht“ zu haben („Recht haben wollen“ ist übrigens eine der Lieblingsbeschäftigungen des Ego, wie ja auch das Essay betont), sondern ich möchte einfach eine „andere“ Sicht auf das Ego präsentieren, die auch nicht „meine“ ist, sondern im wesentlichen zwei Quellen entstammt: Dem sehr guten Buch „Eine neue Erde“ von Eckhart Tolle

und den vielen bei http://jetzt-tv.net/ hinterlegten Satsangs von Madhukar.

 

Im Stile des klassischen Diskurs möchte ich gerne einige Thesen aus dem oben genannten Essay aufgreifen und Ihnen meine Gegenthesen gegenüberstellen.

These 1:
Das Ego ist seit Jahrtausenden ein sehr wertvolles „Organ“ unseres menschlichen Daseins hier in dieser Raum-Zeit-Dimension auf dem Planeten Erde gewesen.

Kann etwas, das nach Buddha die Quelle allen Leids ist, ein „wertvolles Organ“ sein? Sicher nicht.
Es ist aber fast „typisch“, dass sich das Ego dementsprechend glorifiziert, denn das ist die vornehmste und gleichzeitig Leid schaffendste Absicht des Ego: sich selber an „Gottes“ Stelle zu setzen. Dazu später mehr.

Was also ist das Ego in Wahrheit? Hierin sind sich alle erwachten bzw. erleuchteten Meister einig: nichts weiter als eine Illusion, ein Konstrukt aus Gedanken. Selber nur ein Gedanken-Konstrukt, missbraucht das Ego unser Gehirn dazu, ständig neue Gedanken zu erzeugen, von denen es sich nährt, am Leben erhält und aus denen es seine Existenz rechtfertigt. Ohne Gedanken kein Ego und kein Ego ohne Gedanken! Der Träger des Ego, unser Gehirn, glaubt schließlich seinem eigenen Parasiten, dem Ego, so sehr, dass es sich voll und ganz mit den diversen Gedanken-Konstrukten identifiziert und sie für bare Münze, für Realität, hält und entsprechend handelt.
Folglich kann auch aus dieser Sicht das Ego kein „wertvolles Organ“ sein, da ein Gedanken-Konstrukt niemals etwas über dieses Konstrukt Hinausgehendes, schon gar nichts „Reales“, wie etwa ein Organ, auch nicht im Sinne eines 7. Sinns oder etwas Vergleichbarem, sein kann. Allerdings, das ist das Drama am Ego: dieses Gedanken-Konstrukt ist so mächtig, dass es tatsächlich für alles Leid und alle Zerstörung auf dieser Erde verantwortlich ist: für das tägliche Leid, das sich jeder von uns, der nicht erwacht ist, immer wieder aufs Neue durch entweder Zukunftsängste oder Verhaftung an vergangenem Leid kreiert, über die Zerstörung der Natur bis hin zu Morden und Krieg.

Die erwachten Meister können selbstverständlich auch die Quelle des Ego benennen und identifizieren: es ist der „Ich“-Gedanke. Der „Ich“-Gedanke ist gleichsam die Geburtsstätte und -stunde des Ego. In dem Moment, in dem ein Kind „Ich“ sagt und sich damit als etwas von seiner Umgebung Getrenntes wahrnimmt, ist es vom Ego regelrecht und tatsächlich besessen. Und das, obwohl der „Ich“-Gedanke nichts weiter als eine Ausgeburt des eigenen Gehirns ist. Ist es nicht erstaunlich, dass unser Gehirn, dieses mächtige tatsächliche Organ, das uns hilft, uns in dieser physischen Welt zurecht zu finden und ohne das wir niemals irgend etwas hätten erschaffen können, das uns vom Tier unterscheidet, uns gleichzeitig spirituell und seelisch (durch die permanente Erzeugung irgendwelcher Leid erschaffender Situationen) komplett in die Irre führt? Ist das Gehirn deshalb nun Fluch oder Segen?